Wo komme ich her?

Ich habe schon überall auf der Welt gelebt, und wo auch immer ich bin, werde ich gefragt wo ich herkomme. Und das ist so schwer zu beantworten! Laut meinem Pass bin ich Finnin. Wenn man nach Zahlen geht, habe ich über 60% meines Lebens in Deutschland verbracht und weniger als 15% in anderen Ländern. Wenn man nach Sprachen geht, spreche, lese und schaue ich am meisten auf Englisch. Also wo komme ich jetzt her?

Ich bin in Finnland geboren, aber ich habe nicht lange dort gewohnt. Trotzdem haben meine Eltern wirklich gute Arbeit geleistet, indem sie mir die finnische Kultur in Fleisch und Blut eingebrannt haben. Ich identifiziere mich so sehr mit allem Finnischen, dass ich in mancher Hinsicht sicher finnischer bin, als die meisten Finnen. Mir ist es unglaublich wichtig, dass sich meine Familie an alle Traditionen hält. An Mitsommer haben wir ein Feuer und ich glaube sogar an Mitsommermagie (zum Beispiel pflücke ich jedes Jahr sieben verschiedene Blumen und lege sie unter mein Kissen, um im Traum meinen zukünftigen Ehemann zu sehen – es hat tatsächlich einmal funktioniert!!). An Weihnachten backe ich Weihnachtssterne und Weihnachtsbrot, morgens haben wir Milchreis mit einer Zaubermandel, wir gehen in die Sauna und zum Friedhof, essen jedes Jahr traditionelles Weihnachtsessen, singen bevor wir die Geschenke aufmachen und noch viel mehr. Ich besitze alle typisch finnischen Mumintassen. Ich esse jeden Morgen Haferbrei oder Roggenbrot. Im Herbst pflücke ich im Wald Beeren und Pilze, im Winter gehe ich Eis-Schwimmen und Schlittschuh laufen und im Sommer muss ich unbedingt zu unserem Haus am See. Also bin ich durch und durch Finnin, oder?

expat childexpat children

Aber als ich diesen Sommer in London war, mussten wir uns am ersten Tag alle vorstellen. Dort waren junge Menschen aus aller Welt, Italien, Saudi Arabien und viele andere. Als ich dran war, habe ich mich als Lottie aus Finnland vorgestellt. Dann war das Mädchen neben mir dran. Jana aus Deutschland. Als sie das ausgesprochen hatte, habe ich mich begeistert umgedreht und sie angegrinst. Ich war so aufgeregt, da sie aus meinem Land kam und ich mir sicher war, dass wir Freunde werden würden. Oder was? Ups! Ein typischer Fall meiner Verwirrung.

Und vor allem jetzt, da ich in Finnland bin, fühle mich sehr un-finnisch. Ich bin einfach so anders als die anderen Mädels hier. Andere Lebensgeschichte, andere Hobbies, andere Einstellung zu sehr vielen Dingen. Ich glaube ich bin auch viel offener. Außerdem muss ich in der Uni zweimal überlegen, bevor ich die Frage eines Lehrers beantworte; zuerst, was die richtige Antwort wäre, und dann wie man sie richtig auf finnisch formuliert. Auch wenn ich mich als Lottie aus Finnland vorstelle, ist das nicht wirklich wer ich bin. Vor allem wenn ich in Deutschland bin, bin ich nicht Lottie aus Finnland. Dann bin ich einfach eine der Deutschen. Und trotzdem würde ich mich nie als deutsch bezeichnen!

being an expat

Zu Sprachen kann man auch noch mehr erzählen. Dank Mama und Papa sprechen wir finnisch zuhause. Ich habe sogar  finnische Abiprüfungen abgelegt (ein Jahr nach meinem deutschen Abi, ich weiß ich bin verrückt) und in fast jeder Klausur die volle Punktzahl bekommen. Trotzdem sind mein Deutsch und mein Englisch viel stärker als mein Finnisch. Ich lese und sehe alles am liebsten auf seiner Originalsprache, was meistens englisch ist, aber nachdem ich 12 Jahre lang auf eine deutsche Schule gegangen bin, ist das auf jeden Fall meine natürlichste und beste Sprache. Es ist auch viel schwerer Arbeitsthemen auf finnisch zu besprechen al auf deutsch. Aber andererseits erzählt meine Schwester mir ständig, dass ich in der Nacht wieder auf finnisch gesprochen habe, was beweist, dass ich auf finnisch denke. So. Verwirrend.

Ich denke ein Wort beantwortet die Frage nicht. Ein Wort kann meine Identität nicht beschreiben. Ich bin Finnin, aber mit sehr vielen Einflüssen aus sehr vielen anderen Ländern. Ich bin ein Third Culture Kid (den Begriff habe ich hier beschrieben). Und wollt ihr wissen, was das Beste daran ist? Ich kann all die positiven Eigenschaften aller ‚meiner‘ Länder nutzen. Mittsommer und Oktoberfest feiern (und Chinesisches Neujahr natürlich). Ich kann deutsche Musik hören und gleichzeitig ein englisches Buch lesen. Und ich fühle mich an vielen verschiedenen Orten und mit vielen verschiedenen Menschen wohl. Ich kann die Frage, wo ich herkomme, nicht beantworten, aber vielleicht ist das gar keine Schwäche. Vielleicht ist es eine Stärke.

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11 Comments

  1. meet-laura
    11/10/2016 / 21:58

    Liebe Lottie,

    ich habe den Beitrag gerade total gespannt gelesen und war richtig fasziniert. Darüber wie schön du das alles geschrieben hast und darüber wie locker und positiv du das alles siehst! Du kannst in so vielem von deinem „Third-Culture-Kid“-Sein profitieren und weißt das auch zu schätzen. Und Familien-Traditionen finde ich sooo wichtig! Es gibt nichts schöneres als mit der Familie daran festzuhalten.
    Ich freue mich schon total auf Samstag, wenn ich dich beim Picknick in München endlich kennen lernen darf! JUHU!

    Viiiele Grüße,
    Laura
    http://www.meet-laura.com

  2. Sonia Maria Koo
    11/10/2016 / 11:31

    Se on vahvuus. Suomi kivuliasti tarvitsee erillaisuutta ja sinun sukupolvi ehkä onnistuu tuoda sitä paremmin, kuin vanhemmat Suomi-paluumuuttajat.

    Ymmärrän hyvin, että kulttuuri tulee esille „muualla“ paremmin, jos vanhemmat pitävät tästä huolta (ei kuitenkaan kannata elää kuin saari). Sinulla on varsinkin monikulttuurinen ote asiaan. Minulla on vastaava tarina, ero on vain, että saksan kielen käyttöä ja kulttuurin ylläpitoa sakotettiiin Puolassa (ent. sa Saksaa, joka jäi Puolalle kylmän sodan aikana). Isovanhemmat oli kuitenkin neroja. Monet muun ikäiset vastaavassa tilanteessa ei osaa saksaa, vaikka vanhemmat ovat saksalaisia, niin kuin minunkin. Toinen „herätys“ tuli suomessa, jossa kirkkaammin arvostaa, minkä monipuolinen on Saksan maisema, arkkitehtuuri, kulttuuri ja paljon muuta, varsinkin jos joutuu liian usein kohtaa Saksan ala-arvostamista sekä työ- että yleiselämässä.

    Lyhyesti voin sanoa minun suosikkiviisauksen Stingin biisistä „Englishman in New York“: „Be yourself, no matter what they say.“

  3. Anna
    10/10/2016 / 17:42

    Ich bin sehr beeindruckt davon, wie du mit diesem Thema, also deiner Herkunft, umgehst! Andere wären verunsichert oder etwas „verloren“ in dieser Welt, weil sie nicht wüssten, wo genau sie herkommen oder hingehören – du jedoch nutzt diese Vielfalt für dich und wächst daran. Toll!
    Liebe Grüsse, Anna :)

  4. 10/10/2016 / 11:13

    Liebe Lottie,

    so ein toller Beitrag! Ich finde es super, dass du die „Verwirrung“ über deine Wurzeln als Stärke siehst und all deine Wohnorte, die verschiedenen kulturellen Einflüsse und die ganzen Erfahrungen haben dich zu dem gemacht was das heute bist.

    Liebe Grüße
    Constanze

  5. 8_liv_9
    10/10/2016 / 09:02

    Liebe Lottie,

    ich finde, Du triffst am Ende den Nagel auf den Kopf! Das ist keine Schwäche, sondern eine Stärke! Alles hat sicher seine Vor- und Nachteile und wie Du schon in einem anderen Blogpost mal beschrieben hast, war das Aufwachsen in den verschiedenen Kulturen und das immer wieder Umziehen nicht immer leicht und schön für Dich. Aber rückblickend bekommt sowas oft einen anderen Wert. Und all diese Erfahrungen machen uns doch am Ende zu dem Menschen, der wir heute sind und Du bist wirklich eine tolle, inspirierende Persönlichkeit! :-*

    Liebe Grüße
    Linda

  6. 10/10/2016 / 00:03

    Liebe Lottie, du hast so eine einzigartige und vor allem tolle Lebensgeschichte 😍 Du wirst deinen Enkelkindern einmal viele großartige Geschichten erzählen können und ganz egal was nun deine tatsächliche Bestimmung ist, am wichtigsten ist, dass du dich immer wohlfühlst, egal wo du bist. Ich jedenfalls bewundere es total, dass du dich in jeder Sprache so wunderbar verständigen kannst – als wäre jede einzelne deine Muttersprache ❤️ Toll geschrieben, perfekte Abendlektüre 🤗

  7. 09/10/2016 / 22:04

    Ich finde das wunderbar, was du da beschreibst. Warum sollte man in der heutigen Zeit nur in einer Kultur aufwachsen? Und mal ehrlich, wo man herkommt ist eigentlich egal. Hauptsache man fühlt sich irgendwo zu Hause und zu Hause ist ja bekanntlich immer dort, wo die Liebsten sind.

    LG Hannah

  8. Nathalie
    09/10/2016 / 21:15

    Liebe Lottie,
    zu allererst muss ich sagen, dass du ein wahnsinnig interessanter, inspirierender und faszinierender Mensch bist. Wenn ich mir diesen (und auch den Third Culture Kid) Artikel durchlese, mag ich nur vermuten, wie schwer aber auch faszinierend dein Leben bisher gewesen sein muss/kann. So viele Sprachen zu sprechen ist meiner Meinung nach in der heutigen Zeit ein großes Geschenk, dass dir in der Zukunft sicherlich noch viele viele Türen öffnen wird, wohin dich das Leben auch führen mag!

    Ich denke, einige Menschen an deiner Stelle würden sich „heimatlos“ fühlen und damit vielleicht auch ein wenig verloren. Das war zumindest wohl einer meiner ersten Gedanken, als ich überlegt habe, wie ich mich fühlen würde. Andererseits bist du (mindestens an zwei Länden – Deutschland und Finnland :-)) auf der Welt „zu Hause“ und vielleicht das beste beider Kulturen oder aller Kulturen, die du bis jetzt erleben durftest, wunderbar für dich ganz einzigartig vereint – ich finde, eine schöne Vorstellung!

    Wie schon gesagt finde ich dich und deine Geschichte wahnsinnig interessant und ich denke, dass du mit deiner Erfahrung, Weltoffenheit und deiner so individuellen Geschichte und Sicht der Dinge vielen Menschen hilfen könntest!

    Ganz ganz viele liebe Grüße!

    • Lottie
      11/10/2016 / 11:37

      Oh wie lieb von dir! Aber ja, ich bin nicht heimatlos sondern finde das ist wirklich ein Reichtum, und ich bin glücklich darüber! Danke dir, das Feedback bedeutet mir so viel!

  9. 09/10/2016 / 20:22

    Liebe Lottie,

    irgendwie finde ich, dass deine Geschichte in der heutigen Zeit zeigt, dass man sich nicht nur mit einer Kultur verbunden fühlen kann. Ich finde das ehrlich gesagt unglaublich toll und wäre auch manchmal dankbar, wenn ich noch eine andere Kultur so richtig kennen würde außer die Deutsche. Für mich bist du unglaublich sympathisch durch die verschiedenen Kulturen, die dich prägen und gerade auch, weil du sicher dadurch auch sehr früh selbstständig geworden bist.

    Ich finde deine Geschichte klasse und bin froh, dass ich auf deinen Blog gestoßen bin.

    Alles Liebe,
    Jassy