Warum spreche ich so viele Sprachen?

Mit diesem Blogpost beantworte ich eine sehr häufige, aber auch etwas merkwürdige Frage. Ich spreche fünf Sprachen. Aber ist das so unüblich? Ich bin mir nicht sicher. Es ist auf jeden Fall ziemlich üblich in der Kultur, in der ich aufgewachsen bin. In der dritten Kultur.

Ich bin ein Drittkulturkind. Nach Nicholas Brealy „werden Kinder und Jugendliche als Third Culture Kids oder Drittkulturkinder bezeichnet, wenn sie während eines Großteils ihres Lebens in einer anderen Kultur aufgewachsen sind als ihre Eltern“. Mit der dritten Kultur meint man die Mischung aus der ursprünglichen und der „neuen“ Kultur – auch wenn ich nach dieser Bezeichnung ein Viertkulturkind wäre. Der Großteil meines Lebens waren in diesem Fall 20 von 23 Jahren und ich bin nicht in einer anderen Kultur aufgewachsen, sondern in drei.

Während meiner Reise habe ich darunter gelitten ein Drittkulturkind zu sein. Okay, ich hatte nicht allzu viel zu sagen als wir das erste mal mein Heimatland Finnland verlassen haben. Das war als wir nach Deutschland gezogen sind. Ich war damals zwei und erinnere mich noch daran, wie ich mit meiner ersten deutschen Freundin mit „wau wau“ und „miau miau“ kommuniziert habe. Für Kinder ist es nie schwer. Auch unser erster oder zweiter Umzug innerhalb Deutschlands hat mir nichts ausgemacht. Für mich bedeuteten sie nur neue aufregende Orte und neue Freunde.

IMG_4637

IMG_4643

Meinen ersten Shock als Third Culture Kid hatte ich, als ich 14 war. Ich hatte drei tolle Freundinnen und wir waren eine richtige Mädchenbande mit einem geheimen Hauptquartier, einer Geheimsprache, Picnics an jedem Wochenende und jeder Menge Abenteuer. Und ich war zum ersten mal richtig verliebt in einen Jungen, mit dem wir uns über Monate hinweg Zettelchen in der Schuhe hin und her geschickt haben. Ich war ein glückliches Mädchen und meine Eltern haben mir mein Herz gebrochen, als sie mir erzählt haben, dass wir in zwei Monaten nach China ziehen würden.

Warum wir umziehen mussten? Naja, wir mussten nicht. Aber mein Vater war schon immer sehr ehrgeizig und wollte immer jede Chance nutzen um zu wachsen. Und jedes Mal, wenn seine Papierbeschichtungsfirma (die stellen Coca Cola -Becher und Verpackungen her) eine neue Fabrik eröffnet hat, wurde mein Papa dorthin geschickt und diese ins Rollen zu bringen. Während wir in Deutschland gewohnt haben, hat er schon in Holland und in England gearbeitet, aber China würde eine Veränderung für uns alle bedeuten.

IMG_4604

Ich werde es kurz machen. Wenn meine Eltern mir erzählt haben, dass ich nach China ziehen würde, habe ich ein Kinderheim angerufen und habe gefragt, ob ich dort leben kann. Letztendlich bin ich natürlich doch mit meiner Familie nach Shanghai gezogen. Wir haben vier lange Jahre gewohnt und obwohl wir natürlich all die Vorteile genießen durften, die Expats in einem Entwicklungsland haben (einen Chauffeur, eine Haushälterin und Köchin, einen Pool…), habe ich mein Zuhause (also Deutschland) jeden Tag vermisst. Und ich habe die Kultur gehasst. Die starrenden Menschen. Den Verkehr. Sogar meine neue Schule mit den eingebildeten Snob-Kindern. Ich habe es sehr gehasst.

Aber natürlich war auch die Zeit irgendwann vorbei und wir sind zurück gezogen aus China. Aber der nächste Shock kam aber schon bald. Ich war 18 und wir waren grade seit einem halben Jahr wieder in Finnland. Ich dachte Umziehen wäre schlimm. Nun kann ich sagen, dass es noch viel schlimmer ist, wenn dein Familie ohne dich umzieht. Meine Familie ist nach Polen gezogen, da Papa dort den nächsten Arbeitsauftrag hatte, und ich habe mich komplett allein gelassen gefühlt.

Das ist nun vier Jahre her.

Heute sehe ich die Dinge ganz anders. Ich habe kein Heimweh mehr. Ich bin eine echte Cosmopolitan und liebe es zu reisen. Ich liebe es natürlich immer noch genauso sehr, meine Familie zu sehen, aber es bricht nicht mehr mein Herz, wenn ich nicht bei ihnen bin. Ich habe in den letzten Jahren wundervolle Zeit in Polen verbringen können. Davor hatte ich die Möglichkeit einen Großteil Süd-Ost-Asiens zu sehen (Mama und Papa, ich bin so dankbar für diese Möglichkeit!). Ich liebe asiatisches Essen (aber nicht das, was man in Europa bekommt!). Ich spreche finnisch, deutsch und englisch fließend, habe einen Abschluss in Latein (ja, deutsche Schulen sind verrückt!) und kann etwa 1200 chinesische Zeichen, und spreche es natürlich auch. Ich verstehe was es bedeutet einen Laptop zu haben und zur Uni gehen zu können. Ich schätze einen guten Klempner. Ich schätze es generell, wenn etwas funktioniert, denn das ist nicht selbstverständlich. Ich fühle mich an vielen Orten zuhause. Ich finde an vielen Orten viele Freunde. Ich denke anders über Menschen. Ich bin mutig genug für Abenteuer. Und wie gesagt, ich spreche fünf Sprachen. Ich finde es nicht mehr schlimm, wie mein Leben verlaufen ist.

Manchmal bin ich sogar dankbar dafür.

IMG_4615

P.S.: Wenn du ein Drittkulturkind bist, dann schau mal hier vorbei!

Share:

22 Comments

  1. nilooorac
    06/07/2016 / 00:55

    Der Blogpost ist total interessant, ich habe den Text regelrecht verschlungen! Ich finde es super, dass du uns so einen Einblick in den Leben gibst :) Es war bestimmt nicht immer einfach, so oft umzuziehen – aber so hat alles seine positiven und negativen Seiten. Es ist richtig beeindruckend, dass du fünf Sprachen kannst!

    Wenn du magst, schau doch gerne mal auf meinem Blog vorbei: http://nilooorac.com/

    Liebe Grüße

  2. Linda
    30/06/2016 / 21:38

    Hallo liebe Lottin,

    ein toller und vor allem persönlicher Einblick in Dein Leben! Es ist ja oft im Leben so, dass man erst meckert, Dinge oder Umstände sch**** findet und dann erst mit etwas Abstand erkennt, was man hatte und welchen Wert es hat. Ich finde Deine Vita schon jetzt nach 22 Jahren beeindruckend! Du bist ein wahnsinnig interessanter und inspirierender Mensch und ich finde es bemerkenswert, dass Du diese persönlichen Einblicke in Dein Leben gibst! Großen Respekt! Danke dafür!

    Liebe Grüße
    Linda

    • 05/07/2016 / 13:15

      Oh Gott, danke liebe Lina! Ich freue mich so, dass der Beitrag gut ankommt – ich dachte, der interessiert keinen, weil es nicht um Fitness oder Essen geht 😉 Vielleicht schreibe ich ja noch einmal etwas dazu, mal sehen. :) Und DANKE für deine lieben Worte, so etwas muntert mich immer total auf. Dann war diese Art von Leben vielleicht ja wirklich nicht so schlecht 😉

      • Linda
        05/07/2016 / 21:33

        Hallo liebe Lottie,

        auch wenn es große und wichtige Themen sind, es gibt noch andere mindestens genauso bzw interessantere Themen im Leben! Und ich finde es um Beispiel super interessant, was für ein Mensch hinter den Fitness-Tipps und Rezepten steckt! Von meiner Seite aus gerne mehr dieser Einblicke! Fitness-Tipps und Rezepte gibt es in Massen im Netz, Geschichten von und über Lottie aber nicht. Dich gibt’s nur einmal! :* umso schöner, etwas über Dich zu erfahren!

        Liebe Grüße
        Linda

  3. 29/06/2016 / 12:04

    Das viele Umziehen hätte mich früher wahrscheinlich auch genervt und dann auch noch in fremde Länder. Aber ich finde es toll, dass du es heute als Bereicherung siehst. Die Möglichkeit so viele verschiedene Länder kennenzulernen haben bestimmt nicht viele. Und so viele Sprachen würde ich auch gerne sprechen können. Außer bei Latein bin ich raus, das habe ich schon früher total gehasst! 😀

    Liebe Grüße,
    Jana von bezauberndenana.de

  4. Julia
    27/06/2016 / 20:39

    WOW! Ich bin sprachlos, unfassbar toller und ehrlicher Post von dir :) LG Julia <3

    • 28/06/2016 / 01:41

      Hi liebe Julia! Oh danke danke, wie lieb von dir! Da der Post aber wirklich gut angekommen ist, wird es sicherlich noch einige weitere zu meinem Leben geben. 😉
      Küsschen, Lottie

  5. Topias
    27/06/2016 / 19:18

    Huhh. Nice to see that other people go through the same things as I did. Finnish family, born and raised in Germany, studying in a multicultural environment therefor speaking english and learning spanish because i have a lot of latin friends that pushed me forward in that endeavor.
    Tuntuu joskus ihmeelliseltä kertoa saman elämäntarinan kun tutustuu uusiin ihmisiin ja miten tähän tilanteeseen ollaan päädytty et puhutaan kieliä ja ollaan nähty niin paljon jo niin nuorena. On kiva nähdä et ihmiset ovat kiinnostuneita, mutta se kysymys että mistä on kotoisin… “let me tell you a story so you might understand where i’m from or not or both”. Ihmeellistä kun ei oo sitä yhtä kotia ^^ Toki muuttaminen on nuorille aina vaikeeta ja varsinkin teinille suuri muutos tuo hankaluuksia. Minä esim. kerran hajotin läppärin ja paiskoin sen lattialle kun 16v muutin suomeen ja en kestänyt kun kaikki kaverit jäi saksaan… nyt sitä ollaan kesää viettämäs Deutschlandissa ja odotan paluuta Suomeen ihan eri mielin kun silloin 😀 jännää on. Nuorena aikuisena sanoisin että pitää olla kiitollinen siitä mitä on lapsena saannut kokea. Maailmamme pienenee koko ajan ja näkisin third culture lapset vaan etukävelijänä yhtenäisen maailman kehittyessä. Vanhemmat saattavat pelätä mitä oikein tekevät lapsilleen, mutta sinä oot hyvä esimerkki siitä, miten kivoja ihmisiä meistä voi tulla =) Ich versteh total was du meinst und freue mich immer wieder, wenn man gleichgesinnte Menschen sieht oder wie in diesem Fall über sie liest. Alles gute noch auf deinem Weg und vielleicht sieht man sich ja mal irgendwo auf der Welt und geniesst ein Bier zusammen ^^ Birds of a feather flock together.

  6. Maria
    27/06/2016 / 19:09

    Ganz toller Blogpost! Ich kann mir vorstellen, dass es keineswegs leicht für dich war, so oft umziehen zu müssen. Aber ich beneide dich dafür, schon so früh so viele verschiedene Länder und Kulturen kennengelernt zu haben. Das hat dich bestimmt um einige Erfahrungen reicher gemacht :)
    Eine Frage hätte ich noch, die mich brennend interessiert: welche Sprache sprichst du mit deiner Schwester? Ist das dann ein Mischmasch aus Verschiedenen Sprachen oder sprecht ihr z.B. Immer nur Finnisch?

    • 28/06/2016 / 01:49

      Hallo Maria! Oh vielen vielen Dank für deine lieben Worte! Nein, einfach war es nicht, aber im Nachhinein habe ich wirklich lernen können, dass es ein Reichtum ist, so eine Kindheit hinter sich zu haben.
      Zuhause sprechen wir tatsächlich nur finnisch. SO sind wir großgezogen worden und das ist für mich total selbstverständlich. WOOOOBEEEI man jetzt noch sagen müsste, dass Lili und ich aber vor einigen Jahren unsere eigene „Geheim“sprache entwickelt haben, und die beruht so ziemlich auf dem englischen! Aber unsere Familiensprache ist definitiv finnisch!

  7. 27/06/2016 / 17:24

    Wow wahnsinnig beeindruckender Beitrag! Danke, dass du deine Geschichte so offen mit uns teilst! Stelle es mir extrem hart vor, wenn man so oft umziehen muss.. Aber schön, wie du das jetzt im Nachhinein positiv betrachten kannst und siehst, was es dir alles für Vorteile bringt! Hat dich bestimmt wahnsinnig stark gemacht!
    Laura <3
    http://www.meet-laura.com

    • 05/07/2016 / 12:47

      Danke liebe Laura! Ich war mir gar nicht sicher, ob sich überhaupt irgendwer dafür interessieren würde :) Deshalb danke danke danke!

  8. 27/06/2016 / 12:15

    Ich finde es toll, wenn man viele Sprache kann und an verschiedenen Orten gelebt hat. Ich kann mir natürlich auch vorstellen, das das für dich nicht immer leicht war.
    Ich versuche mein Sprachreportoir gerade an der Uni etwas aufzubessern und lerne noch eine 3. Fremdsprache.
    Toller Look by the way 😉
    Liebe Grüße
    Sarah

    • 05/07/2016 / 12:46

      Welche Sprachen sprichst du denn und welche lernst du? Das finde ich total interessant! Damals war es alles andere als leicht, aber heute bin ich dankbar :)
      Danke für deine liebe Nachricht <3

  9. 27/06/2016 / 08:38

    Oh wow, das hört sich wirklich nach spannenden Zeiten an – ich glaube mich hätte dieses ständige Umziehen als Kind sehr verwirrt, ich bekomme ja schon nach 14 Tagen Urlaub schreckliches Heimweh 😀

    Liebe Grüße
    Jimena von littlethingcalledlove.de

  10. 27/06/2016 / 00:05

    Ein wirklich toller Post! :))
    Liebste Grüße <3

  11. 26/06/2016 / 19:48

    Was für ein schöner Blogpost! & auch ich finde es unglaublich, dass du so viele Sprachen sprichst. Ich bin froh, dass ich Deutsch, Englisch & halbwegs Französisch verstehe. Dein neues Layout gefällt mir übrigens sehr. Es ist schön klar & übersichtlich.

    Liebst
    Laura von http://www.mrssparkle.de

    • Lottie
      03/07/2016 / 00:46

      Mehr oder weniger Glück 😀 Also klar war das eine tolle Chance aber damals fand ich es nicht so toll…